Jeder Mensch nutzt Abwehrmechanismen

Wie sie funktionieren und wie man mit ihnen umgehen kann

Stellen Sie sich vor, Sie haben Ihr Handy verloren und denken sich: „Nicht so schlimm, es war sowieso alt.“ Oder Sie haben einen schlechten Tag bei der Arbeit und lassen Ihren Frust abends an Ihrem Partner aus. Diese Verhaltensweisen sind Beispiele für psychische Abwehrmechanismen, die wir alle nutzen, um unangenehme Gefühle zu bewältigen und unser mentales Gleichgewicht wiederherzustellen. Doch was sind Abwehrmechanismen genau, und wie können wir die zugrunde liegenden Probleme auf eine nachhaltigere Weise lösen? 

Was sind Abwehrmechanismen?

Der Begriff „Abwehrmechanismus“ wurde erstmals von Sigmund Freud im Rahmen der Psychoanalyse geprägt. Er beschreibt psychische Vorgänge, die dazu dienen, innere Konflikte zu regulieren und emotionale Entlastung zu schaffen. Meistens sind diese Prozesse unbewusst: Unsere Psyche schützt unser Bewusstsein vor schmerzhaften Gefühlen, indem sie uns die Situation auf eine andere Weise wahrnehmen oder handhaben lässt. Freud unterschied zwischen unreifen Abwehrmechanismen wie Verleugnung und reiferen Mechanismen wie Sublimierung.

Die wichtigsten Abwehrmechanismen und ihre nachhaltigen Alternativen

Abwehrmechanismen sind weit verbreitet und helfen uns kurzfristig, mit Stress und negativen Emotionen umzugehen. Doch auf lange Sicht können sie problematisch werden, wenn sie uns daran hindern, uns mit den zugrunde liegenden Gefühlen auseinanderzusetzen. Hier sind einige der wichtigsten Abwehrmechanismen und Vorschläge, wie man reifer auf negative Gefühle reagieren kann.

Rationalisierung

Bei der Rationalisierung suchen wir logische oder moralisch akzeptable Erklärungen für unser Verhalten, um unangenehme Gefühle zu vermeiden. Beispiel: Sie verpassen eine wichtige Deadline und sagen sich: „Die Frist war unrealistisch, niemand hätte das schaffen können.“ Diese Erklärung hilft Ihnen, sich weniger schuldig zu fühlen.

Reife Alternative: Anstatt sich die Situation schönzureden, fragen Sie sich: „Wie fühle ich mich wirklich?“ und „Was kann ich tun, um in Zukunft besser vorbereitet zu sein?“ Indem Sie Verantwortung übernehmen und Ihre Gefühle anerkennen, können Sie aus der Erfahrung lernen und wachsen.

Projektion

Bei der Projektion übertragen wir unsere eigenen unerwünschten Gefühle auf andere. Beispiel: Sie ärgern sich über einen Kollegen, weil Sie glauben, dass er faul ist, obwohl Sie selbst mit Ihrer eigenen Arbeit unzufrieden sind.

Reife Alternative: Wenn Sie sich stark über jemanden ärgern, fragen Sie sich: „Warum triggert mich das so sehr?“ und „Welche Aspekte dieses Verhaltens erkenne ich vielleicht in mir selbst?“ Indem Sie Ihre eigenen Gefühle und Verhaltensweisen anerkennen, können Sie diese besser verstehen und verändern.

Sublimierung

Sublimierung bedeutet, dass wir inakzeptable Triebe in sozial akzeptierte Handlungen umwandeln. Beispiel: Anstatt Ihren Ärger direkt auszudrücken, gehen Sie joggen oder schreiben in ein Tagebuch.

Reife Alternative: Sublimierung ist bereits eine gesunde Bewältigungsstrategie, aber es ist wichtig, die zugrunde liegenden Gefühle nicht vollständig zu verdrängen. Erlauben Sie sich, Ihre Emotionen zu fühlen und darüber zu sprechen, um eine vollständige Verarbeitung zu ermöglichen.

Verschiebung

Bei der Verschiebung lenken wir unsere Gefühle von einer bedrohlichen Person oder Situation auf eine weniger bedrohliche. Beispiel: Sie sind wütend auf Ihren Chef, aber statt ihn zu konfrontieren, lassen Sie Ihren Frust an Ihrem Partner aus.

Reife Alternative: Achten Sie darauf, Ihre Gefühle direkt und konstruktiv an der Quelle auszudrücken. Wenn eine direkte Konfrontation nicht möglich ist, suchen Sie gesunde Wege, um Ihre Emotionen zu verarbeiten, wie durch Sport oder Meditation.

Verdrängung

Verdrängung ist das unbewusste Wegschieben unerwünschter Gedanken und Erinnerungen. Beispiel: Sie haben eine unangenehme Begegnung, an die Sie sich kaum erinnern können, weil Ihre Psyche sie verdrängt hat.

Reife Alternative: Regelmäßige Selbstreflexion und Achtsamkeit können helfen, verdrängte Gefühle zu erkennen. Wenn bestimmte Situationen oder Gedanken immer wieder auftauchen, nehmen Sie sich Zeit, um sie bewusst zu betrachten und zu verstehen.

Verleugnung

Bei der Verleugnung weigern wir uns, eine unangenehme Realität anzuerkennen. Beispiel: Sie ignorieren gesundheitliche Warnsignale und tun so, als wäre alles in Ordnung.

Reife Alternative: Versuchen Sie, realistisch und ehrlich mit sich selbst zu sein. Akzeptieren Sie die Realität, auch wenn sie schmerzhaft ist, und suchen Sie nach Lösungen oder Unterstützung, um mit der Situation umzugehen.

Fazit

Abwehrmechanismen sind natürliche psychische Prozesse, die uns kurzfristig vor unangenehmen Gefühlen schützen. Doch auf lange Sicht ist es wichtig, die zugrunde liegenden Emotionen zu erkennen und zu verarbeiten. Indem wir Verantwortung übernehmen und uns unseren Gefühlen stellen, können wir ein authentischeres und erfüllteres Leben führen. Wenn Sie sich in bestimmten Abwehrmechanismen wiedererkennen, versuchen Sie, diese bewusst zu hinterfragen und reifere Wege zu finden, mit Ihren Emotionen umzugehen. So können Sie langfristig Ihre mentale Balance und Zufriedenheit verbessern.

Autor: Richard Walz – Psychologischer Berater